E-Mail schreiben

0451-12285700

Erasmus+-Auftakt an der TMS


„Our common Fundament: European Values“ lautet der Titel des von der EU geförderten Erasmus+-Projekts, das unsere Schule koordiniert. Vom 24. – 28. November trafen sich jeweils fünf Schülerinnen und Schüler aus Kroatien, Spanien und Dänemark mit 15 Jugendlichen unserer Schule, um sich mit den Werten, die in der Charta der Grundrechte der EU kodifiziert sind, auseinanderzusetzen. Begleitet wurden sie von je zwei Lehrkräften der jeweiligen Schulen.

Schwerpunkt dieses Auftakttreffens war der Wert Freiheit. Nach zwei Diktaturen in der jüngeren deutschen Geschichte und anlässlich des 30. Jahrestags des Mauerfalls in diesem Jahr lag die Wahl des Themas für das Lübecker Treffen auf der Hand.

Montag, 25. November

Nachdem sich am ersten Tag alle ein wenig kennen gelernt hatten, leitete Kirsten Engler, Lehrerin für „Darstellendes Spiel“, die Teilnehmer an, körperlich auszudrücken, wie sich Freiheit im Gegensatz zu gefangen sein und Enge anfühlt. Danach notierte jeder eine für ihn bedeutsame Situation, in der er sich frei bzw. unfrei gefühlt hatte. In international gemischten Gruppen sprachen wir über unsere ganz persönlichen Erfahrungen und wählten je eine Situation, die wir anschließend als Standbild darstellten. Auf diese Weise näherten sich Jugendliche und Lehrkräfte der Frage, welchen Wert Freiheit für sie persönlich besitzt.

Der Nachmittag diente dazu, unseren Gästen die Lübecker Altstadt zu zeigen. In Kleingruppen brachen Jugendliche und Lehrkräfte zu einem Stadtrundgang auf.

Später trafen sich alle in der Schule zum internationalen Abend wieder. Jede Delegation hatte einen Beitrag zum Büffet mitgebracht und eine gemeinsame Aktivität vorbereitet. Spanische Chorizo, brune Kager aus Dänemark, Käse aus Kroatien und Sauerkraut mit Kassler und Kartoffelsalat aus Deutschland, von allen Spezialitäten probierten die Teilnehmer und gewannen einen Eindruck von der landestypischen Küche.

Danach versetzte uns ein Video in die wunderschöne Barockstadt Varaždin in Kroatien, übten wir die Aussprache dänischer Weihnachtsspezialitäten, tanzten gemeinsam und sangen Shantys. Nicht alles klappte auf Anhieb, aber der Spaß stand uns allen ins Gesicht geschrieben.

Dienstag, 26. November

Am nächsten Tag ging es um die politische Dimension des Wertes Freiheit. Fünfzehn Jugendliche erhielten ein Puzzlestück, auf das der Text von 15 der 54 Artikel der Charta der Grundrechte der Europäischen Union geschrieben stand. Die andere Hälfte der Jugendlichen bekam je ein Puzzlestück mit einem aktuellen Fall, in dem gegen eines der Grundrechte verstoßen wird. Die Aufgabe bestand darin, den Partner zu finden, der den entsprechenden Grundrechte-Artikel besaß. In kurzer Zeit war das Puzzle vollständig.

Anschließend suchten sich die Jugendlichen die beiden Artikel aus, die für sie persönlich Bedeutung besitzen, und berichteten ihre Erfahrungen den Partnern.

Wipo-Lehrer Daniel Klingebiel erteilte ihnen danach den Auftrag, sich in Gruppen auf je einen Artikel zu einigen und dazu eine Fotostory oder ein Video zu erstellen. Die Gruppen präsentierten ihre Ergebnisse zu Artikel 11, dem Recht auf freie Meinungsäußerung, Artikel 14, dem Recht auf Bildung, Artikel 21, dem Diskriminierungsverbot, Artikel 23, dem Recht auf Gleichheit von Mann und Frau, und anderen in einem Galerierundgang und erhielten viel Anerkennung für ihre Ideen und deren Umsetzung.

Den Nachmittag verbrachten wir im Grenzhus Schlagsdorf, wo die Grenzbefestigungsanlagen der deutsch-deutschen Grenze am historischen Ort mit Originalmaterial einen Eindruck vermitteln, welchen Aufwand die DDR betrieben hat, um ihre Bürger an einer Flucht in die Freiheit zu hindern. Sehr berührend für uns Besucher war, dass der Leiter des Museums, Herr Wagner, davon berichtete, wie seine eigene Biografie von der deutschen Teilung beeinflusst worden ist. Anhand von diesem und weiteren Einzelschicksalen konnten wir nachvollziehen, welche Freiheiten in der sozialistischen Diktatur beschnitten worden sind.

Einen schönen Programmabschluss bildete an diesem Tag ein Spaziergang auf dem Priwall. Dort zeigten wir unseren Gästen den ehemaligen Grenzverlauf und wie nah das Ostufer der Küste im Westen gegenüber liegt, zu DDR-Zeiten aber unerreichbar blieb. Während die Dämmerung hereinbrach und die Lichter an den Häusern der Vorderreihe zu funkeln begannen, bummelten wir zum Bus zurück, der uns wieder nach Lübeck brachte.

Die Lehrkräfte folgten danach noch der Einladung unseres ehemaligen Kollegen Winni Harz zu einem auf die Gastländer abgestimmten Essen bei ihm zu Hause.

Mittwoch, 27. November

Der dritte Tag begann mit einem Besuch des Willy-Brandt-Hauses. An der Biografie des in Lübeck aufgewachsenen Friedensnobelpreisträgers lässt sich exemplarisch der Wert der Freiheit erläutern. Willy Brandt schrieb bereits als Jugendlicher für eine sozialistische Zeitung und floh vor der Verfolgung durch die NS-Diktatur nach Skandinavien. Nach dem Krieg erlebte er als regierender Bürgermeister von Berlin den Mauerbau. Seiner Politik des „Wandels durch Annäherung“, die er als Bundeskanzler verfolgte, ist zu verdanken, dass es zu einer Annäherung zwischen Ost und West kam. „Mehr Demokratie wagen“ – unter diesem Motto erfuhr unter seiner Regierung die Gesellschaft der BRD einen Demokratisierungsschub.

Die nächste Station war das Europäische Hansemuseum, wo die Schülerinnen und Schüler eine Sitzung des Europäischen Rates simulierten.

Nach einer Einführung in den Schauplatz Brüssel verteilte Tim Kunze vom Hansemuseum die Rollen und Materialen. In gemischten Teams erarbeiteten die Schülerinnen und Schüler die Position ihres Landes zu der Frage, ob die unterschiedlichen Bildungsabschlüsse in den Mitgliedsländern europaweit anerkannt werden sollten. Die zweite Frage war, ob Grenzkontrollen innerhalb der EU wieder eingeführt werden sollten. Die Herausforderung bestand darin, dass die Teilnehmer nicht das eigene Land vertreten durften, sondern aus der Perspektive eines anderen Mitgliedsstaates die Debatte auf Englisch führen mussten.

Nach anstrengenden 2,5 Stunden, in denen die Jugendlichen, unterstützt von ihren Lehrkräften, gearbeitet hatten, versprach der Nachmittag Entspannung.

Der Weihnachtsmarkt mit Riesenrad und Buden lud alle dazu ein, die geschmückte Lübecker Altstadt zu genießen und einige Souvenirs zu erwerben.

Den Abschluss unseres ertragreichen Projektauftaktes feierten wir am Abend in einer Pizzeria. Dort erhielten alle Teilnehmer ihre Zertifikate und die Gäste einen Adventskalender mit Lübeck-Motiven zur Erinnerung.

In den Folgetreffen wird es in Carboneras (Spanien) um den Wert Toleranz gehen. In Grenå (Dänemark) werden wir uns mit dem Thema Gleichheit beschäftigen und zum Abschluss in Varaždin (Kroatien) mit dem Thema Demokratie.

Ein besonderer Dank gilt unseren Familien, die die Gastschüler beherbergt haben und ihnen herzlich und offen begegnet sind. Ohne ihr Engagement wäre die internationale Ausrichtung unserer Schule nicht möglich!

Unser Projekt wird von der EU-Kommission aus Mitteln des Erasmus+-Programms gefördert.

Text: Mechthild Piechotta

Fotos: Miriam Petzold, Charlotte Grasteit, Mechthild Piechotta