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Nie wieder ist jetzt! – Die Geschichte der Shoa-Überlebenden Sara Atzmon


Eine Biografie, die unter die Haut geht. Eine Zeit, die die Welt erschütterte. Wir schreiben die Jahre um 1944. Die Nationalsozialisten betrieben Konzentrations- und Vernichtungslager in großem Ausmaß. Tausende Menschen starben jeden Tag, insgesamt 6 Millionen Juden während der Zeit des Holocausts.

Die Erzählungen und Berichte von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen geraten leider immer mehr in Vergessenheit. Viele Überlebende des Holocaust leben heute nicht mehr, doch einige von ihnen können noch berichten. Sara Atzmon, die gebürtige Ungarin, hat diesen Horror als Kind selbst erlebt. Gemeinsam mit ihrer Enkelin Yael Atzmon machte sie es sich zur Aufgabe, der heutigen Generation zu zeigen, was damals geschah. Am 28.01.2026 besuchte uns Yael Atzmon, um den Schülerinnen und Schülern die Geschichte ihrer Großmutter näherzubringen.

Bevor Yael Atzmon sprach, eröffnete Asya Shapiro aus der Klasse Eb die Veranstaltung mit einer Darbietung eines Klezmer-Stückes, einem traditionellen jüdischen Tanzlied, auf dem Saxophon. Das sehr gefühlvolle Stück berührte das Publikum, das sich mit kräftigem Applaus bedankte. 

Anschließend begrüßte Herr Rother Yael Atzmon und betonte, wie wichtig es sei, Zeitzeugen zu begegnen und sich nicht nur über soziale Medien mit dem Thema zu befassen. Dann übergab er das Wort an Frau Senatorin Steinrücke, die als Leiterin des Fachbereichs Wirtschaft und Soziales Yael Atzmon im Namen der Hansestadt herzlich willkommen hieß und ebenfalls unterstrich, welcher Stellenwert der Beschäftigung mit den Folgen von Diskriminierung, Rassismus und Antisemitismus zukomme in einer Zeit, in der rechtsradikales Gedankengut weit verbreitet sei.

Unser Moderationsteam, Pablo und Thorben aus der Q1, führte die Veranstaltung fort und leitete zur Lesung über. 

Die Lesung aus dem Buch „Und ich habe doch gesiegt!“ von Sara Atzmon ging allen Anwesenden unter die Haut. Helena Bach und Julius Heidenreich trugen ausgewählte Textstellen vor, die die Erniedrigung, Angst und unmenschliche Behandlung, denen Sara Atzmons Familie in unterschiedlichen Lagern ausgesetzt war, eindrücklich vor Augen führten.

In Sara Atzmons Lebenserinnerungen wird, wie uns Yael später bestätigte, vieles sehr direkt beschrieben, so wie Sara es ihrer Enkelin geschildert hat:
„Die Zugfahrt von Ungarn nach Polen dauert normalerweise um die 24 Stunden, aber wir waren ungefähr zehn Tage lang im Waggon eingeschlossen. Die Hitze, der Gestank und der Lärm waren unerträglich. Es fühlte sich an wie die Hölle, wir waren vom Tod umgeben, er schien sich uns zu nähern und uns jeden Moment zu sich holen zu wollen.“
Diese und viele weitere Stellen des Buches ließen bei einigen Zuhörenden eine eisige Kälte den Rücken hinunterlaufen. Insgesamt wurden 60 Angehörige von Sara Atzmons Familie ermordet. Sie selbst überlebte nur durch Zufall. Der Transport, der sie nach Auschwitz bringen sollte, stoppte an der Elbe, weil die Zugführer ihr eigenes Leben retten und sich vor den alliierten Truppen in Sicherheit bringen wollten. Völlig entkräftet wurden die in den Waggons Eingesperrten von amerikanischen Truppen befreit und versorgt.

Sara Atzmon ist nicht nur Überlebende der Shoa, sondern auch Künstlerin. Nachdem sie 40 Jahre nicht über ihre Erlebnisse gesprochen hatte, selbst in der eigenen Familie nicht, fand sie durch das Malen einen Weg, um die Erlebnisse aus ihrer Zeit im Konzentrationslager Bergen-Belsen zu verarbeiten und visuell darzustellen. Einige ihrer Bilder wurden gezeigt, die von Emotionen und Geschichte geprägt sind. Ihre Enkelin erläuterte den Hintergrund ausgewählter Gemälde.

Im Anschluss folgte eine Fragerunde mit vorab gesammelten Fragen der Klassen 10a und 10d, die von Mina Özdemir aus der 10d und dem Moderationsteam vorgetragen wurden. Die Fragen deckten ein breites Spektrum ab – von „Warum haben Sie sich entschieden, diese Geschichte weiterzutragen, die Sie selbst nicht erlebt haben?“ bis „Wie hat der Holocaust Ihre Familie verändert?“

Die zentrale Botschaft von Yael Atzmon war: Menschlichkeit sollte immer an erster Stelle stehen über jedweder Ideologie. Dann sei ausgeschlossen, dass sich Rassismus, Antisemitismus und Ausgrenzung von Minderheiten wiederholten.

Im Anschluss an die Veranstaltung führte ich ein kurzes Interview mit Yael Atzmon, um weitere Fragen zu klären.

Frage: Sehen Sie Parallelen zwischen der NS-Zeit und dem 21. Jahrhundert?
Antwort: „Ja das tue ich. Viele wissen gar nicht, wie hoch der Preis von Kriegen ist und wie viel ein Menschleben wert ist. Den meisten ist es nämlich egal. Ihnen geht es nur um Geld. Dennoch weiß ich es zu schätzen, dass das Leben für mich und alle anderen deutlich sicherer ist, als es meine Großmutter erlebt hat.“

Frage: Was ist Ihre Message an die heutige Generation?
Antwort: „Wir sollten die Dinge nicht nur schwarz und weiß sehen und auch Dinge hinterfragen. Man sollte sich jeder Aktion bewusst sein und auch kritisch über diese denken. UND wir sollten immer uns selbst fragen: Warum reagieren wir so? Weswegen reagieren wir so?“

Die Veranstaltung öffnete vielen die Augen dafür, wie präsent und einflussreich die Geschichte des Holocaust bis heute ist und wie grausam und brutal diese Zeit für die Betroffenen war, aber auch inwiefern ihre Nachfahren bis heute davon beeinflusst werden.

Wir gedenken der Opfer des Holocaust.

Text und Fotos: Yanto P. von der Journalismus-AG

Wir danken Frau Finke-Schaak vom Ostsee-Gymnasium Timmendorf Strand für die Initiative, Yael Atzmon nach Lübeck einzuladen, und die Beherbergung unseres Gastes.

Unser Dank gilt auch der Kulturmark, die die Reise von Yael Atzmon finanziert und damit die Begegnung möglich gemacht hat.