Sonne, Sturm und sternenklare Vollmondnächte – Eine wunderbare und erfüllende Woche auf See liegt hinter uns
Während der letzten Schulwoche vor den Sommerferien hat, wie auch die letzten Jahre, wieder eine Segelfahrt stattgefunden, die für Schüler des E-Jahrgangs und Q1 angeboten wurde. Dieses Jahr auf der Luciana, einem traditionellen Zweimast-Gaffelschoner. Ein wunderschönes Schiff!
Die Vorfreude war groß, als wir am Sonntagnachmittag, dem 28.6, vom Lübecker Hauptbahnhof aus mit dem Zug nach Kiel fahren wollten. Dann wurden wir erst über eine großzügige Verspätung unseres Zuges informiert, bis nach einiger Zeit dann die Züge nacheinander abgesagt wurden. Aber da es uns bei unserer Fahrt ja ums Segeln und nicht ums Zugfahren ging, konnten das nach kurzem Ärger alle hinnehmen. Nachdem wir am Hauptbahnhof also reichlich Zeit hatten, uns noch besser kennenzulernen, sind wir am Abend dann schließlich auch gut in Kiel an der Blücherbrücke angekommen. Das Gefühl, in den Hafen zu kommen und das erste mal „unser“ Schiff zu sehen, war unbeschreiblich. Das ist einfach einmalig.


Wir wurden von dem Kapitän Finn begrüßt, der sofort super sympathisch wirkte. Nachdem wir unser Gepäck in den Kojen verstaut hatten, war Zeit, das Schiff zu erkunden. Man durfte auch auf den Klüverbaum (über dem Klüvernetz, ganz vorne am Bug des Schiffes) klettern. Der mit Abstand schönste Platz. Das Gefühl, dort zu sitzen, und die gesamte Länge der Luciana hinter sich, und die gänzliche Weite des Meeres vor sich zu haben, kann man nicht erklären, das muss man selbst erleben.

Wir sahen die Sonne untergehen und den Himmel orange-rot färben, und dann den Vollmond, der sich über dem Wasser erhob und von der Sonne mit ihren letzten Strahlen ebenfalls rot angeleuchtet wurde. Ein phänomenales Bild. Spätestens in diesem Moment fühlte man sich angekommen. Man hörte auf, sich Gedanken über gestern und morgen zu machen. Es war einfach nur gut. Ganz simpel, und trotzdem unbeschreiblich.



Als es schließlich dunkel war, wurden wir, wegen der an genau diesem Abend endenden Kieler-Woche, dann auch noch Zeugen eines spektakulären Feuerwerkes, das man von der Luciana aus wunderbar verfolgen konnte. So endete der erste Abend, und die Segelfahrt hatte begonnen!
Am nächsten Morgen bekamen wir unsere Essenslieferung, die die Schüler selbst organisiert hatten. Und als die verstaut war, stand der Abfahrt des Schiffes nichts mehr im Weg.


Wir fuhren durch die Kieler Förde auf die Ostsee hinaus. Auf nach Dänemark! Kapitän Finn und Matrosin Sophie erklärten uns die Grundregeln des Segelns. Wie hatten guten Wind und zogen schon bald gemeinsam die Segel hoch. Für den ersten Tag auf See schaukelte die Luciana schon ganz ordentlich, was zu einigen Fällen von Seekrankheit führte. Trotzdem war es ein einzigartiges Erlebnis, unter vollen Segeln das erste mal über die Ostsee zu schippern.



Abends kamen wir dann in Marstal an, einer kleinen Hafenstadt an der Südspitze der dänischen Insel Ærø. Es war super friedlich dort. Die Häuschen waren hübsch und die Menschen sehr freundlich. Und es roch nach Backfisch.




Schon im Vorherein hatten wir uns Gedanken gemacht, wie wir mit den Einwohnern in Kontakt kommen konnten, um mehr über das Leben auf den kleinen dänischen Inseln und die Menschen dort zu erfahren. Wir hatten uns in Kleingruppen aufgeteilt und zogen trotz des herausfordernden Tages auf See noch einmal los, um erste internationale Kontakte zu knüpfen. Die einzelnen Gruppen hatten ganz unterschiedliche kreative Ideen, um mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Beschriebene und selbst gestaltete Postkarten, kleine Geschenke, Quiz- und Interviewfragen oder selbst erstellte Hafenbingos boten ideale Gesprächsaufhänger. Die Dänen begegneten uns sehr offen und meist kontaktfreudig, und es war eine gute Übung für alle, beherzt auf fremde Menschen, die in den meisten Fällen kein Deutsch sprachen, zuzugehen. Allerdings war es, nebenbei bemerkt, auch überraschend, wie viele deutsche Urlauber wir getroffen haben. Wir konnten beobachten, wie fließend die Übergänge zwischen Deutschland und Dänemark sind. Zum Beispiel auch auf den meisten Schildern im Hafen, dort waren alle Texte außer auf Dänisch zusätzlich auf Deutsch und Englisch übersetzt.

Anschließend saßen wir alle draußen an Deck und genossen das von einer Schülergruppe zubereitete Abendessen, während die untergehende Sonne den Hafen in warmgoldenes Licht tauchte. Ein schöner Abschluss für einen aufregenden Tag.



Am Dienstagmorgen fuhren wir schon bald nach dem Frühstück weiter. Jedoch konnten wir an diesem Tag nicht segeln. Grund dafür war eine Flaute. Das gab uns allerdings Gelegenheit, in einer Bucht zu ankern und vom Schiff aus schwimmen zu gehen. Man konnte sogar bis zur Spitze des Klüverbaums klettern und von dort aus ins angenehm kühle Wasser springen. Der Kapitän bot uns auch an, zwei Kajaks auszuleihen, oder zusammen mit ihm im Beiboot an Land zu fahren, um eine kleine unbewohnte Insel zu erkunden. Die Landschaft war sehr idyllisch und unberührt. So verging der Dienstag, und abends legten wir schließlich auf Strynø an, einer Insel zwischen Langeland und Ærø. Der Hafen dort sah aus wie auf einer Postkarte. Ein kleines, schwedenrotes Häuschen am Kai, hübsche Segelschiffe und leicht pastell-lila angehauchte Wolkentürme über der Insel bildeten ein perfektes Bild. Während eine Gruppe das Essen vorbereitete und schon mal einen Grill aufbaute, hatten die anderen auch an diesem Abend wieder Zeit, Einwohnern und Urlaubern zu begegnen und sich die Insel anzusehen. Es gab auf Strynø zwar nicht besonders viele Menschen, dennoch ergaben sich interessante Gespräche und wir erfuhren, wie anders als wir es kennen das Leben auf so einer kleinen Insel doch ist. Besonders für die jungen Leute. Pünktlich zur Eröffnung des Grillbuffets hatten sich dann wieder alle am Kai versammelt. Es war ein angenehmer und fröhlicher Abend.
Der Mittwoch begann mit wenig Wind, so dass wir wieder nicht ordentlich segeln konnten. Gerade als gegen Mittag wieder die ersten vom Schiff aus baden gingen, zogen indes Wolken auf, und auch der Wind frischte auf. Nun waren wir alle gefragt, schnell zusammen die Segel aufzuziehen. Als das geschafft war, versammelte Kapitän Finn uns alle auf dem Vordeck. Er gab uns einen Einblick in die Theorie des Segelns und verdeutlichte mit Kreideskizzen auf dem Deck sehr anschaulich, wie so ein Segelschiff funktioniert, wie man vor dem Wind, am Wind und gegen den Wind segeln kann. Das war wirklich interessant und gab uns ein gutes Grundverständnis von dem, was wir auf der Luciana eigentlich taten, wenn wir bestimmte Segel hochzogen, während andere gerafft blieben, und wann welche Arbeitsschritte sinnvoll waren. Den Rest der Fahrt bot es sich an, an Deck oder sogar im Klüvernetz zu verbringen, um die frische Briese zu genießen und die Luciana schnittig durch die Wellen gleiten zu sehen. Nach einer Flaute machte es noch einmal doppelt so viel Spaß, den Wind in den Segeln zu spüren und den Blick in die Ferne zu richten, bis Avernakø in Sicht kam, und somit unser „Hafen“ für diese Nacht.
Avernakø war wunderbar. Der Küstenstreifen sah traumhaft aus. Sanfte Hügellandschaft, kleine Wäldchen und vereinzelte Felder. Bloß einen ernstzunehmenden Hafen gab es nicht, eher einen „großen Steg“ würde ich es nennen. Beim Anlegen beobachtete uns ein älterer Mann und ein Ehepaar mit Hund. Mehr Menschen schien es dort auch nicht zu geben, wir trafen sonst niemanden, und drei von den fünf Häusern in der Nähe wirkten leerstehend. Es war super still und friedlich. Als die Sonne im Meer versank, tauchte sie alles in kräftiges Orange. Die Welt war vergoldet. Einzig die Schreie der Möwen waren zu hören. Ein leichter Wind kräuselte die Wasseroberfläche. An diesem Ort schien die Welt perfekt. Das Meer ruhig und sanft.

Und wir saßen auf dem Dach der Kapitänskajüte und aßen Nudeln mit Pilzsoße. An diesem Abend gingen Viele noch einmal baden. Die Luft hatte sich abgekühlt, aber das Wasser war noch warm. Einige spielten Volleyball am Strand, oder erkundeten die Insel, während Finn ein Lagerfeuer vorbereitete. Als es schließlich dunkel war, saßen wir alle um die Feuerstelle herum und sangen Seemannslieder, während Herr Bruweleit dazu auf dem Akkordeon spielte. Im Hintergrund die Silhouette der Luciana vor dem dunklen Meer. Es war wunderbar gemütlich. Schlaf wurde besonders in dieser Nacht verständlicher Weise etwas vernachlässigt…


Als wir am nächsten Morgen erwachten, war es ziemlich windig. Windstärke sechs war für den Tag vorausgesagt worden. Das versprach eine gute Geschwindigkeit, um uns nach Kappeln zu tragen, das Ziel für diesen Tag. Zurück nach Deutschland. Jedoch hatte sich, glaube ich, kaum jemand der Schüler vorstellen können, wie stark sich ein kleines Schiff bei so einer Windstärke auf die Seite legen kann, und wie die Luciana zum Spielzeug der Wellen werden würde. Das war ein wirklich spektakuläres Erlebnis! Es regnete. Und es stürmte! Die Wellen klatschten kräftig gegen den Bug (und immer mal wieder auch eine auf das Deck), und das Land war durch den trüben Regenschleier nicht mehr zu sehen. Die Luciana wurde von großen Wellen hoch empor gehoben und sackte dann wieder in das nächste Wellental hinab. Überall schäumende Gischt. Ab und zu hörte man in regelmäßigen Abständen unter Deck irgendetwas umfallen, wenn die Schräglage des Schiffes einen neuen Höhepunkt erreichte. Wenn man nicht gerade seekrank war, machte das Segeln bei diesem Wetter unfassbaren Spaß! Als dann die Schuhe völlig durchnässt waren und die ersten Regenjacken aufhörten regendicht zu sein, war es auch gut, schließlich gegen Abend in Kappeln anzukommen.



Es war etwas seltsam, wieder in einer richtigen Stadt zu sein, nach den kleinen Häfen der letzten Tage. Doch auch dieser Tag endete mit einem spektakulären Sonnenuntergang, den man wunderbar vom Klüverbaum aus erleben konnte. Als sich der kräftig leuchtende (und inzwischen abnehmende) Mond über der Stadt erhob, zogen wir uns unter Deck zurück – wir spielten Spiele und genossen unseren letzten Abend auf der Luciana.
Der nächste Tag wurde noch stürmischer. Windstärke sieben mit Böen bis zu Windstärke neun! Man durfte an einem Sicherheitsgurt festgeschnallt vorne auf dem Klüverbaum sitzen und dieses Wetter mit allen Sinnen erleben. So etwas vergisst man nie wieder. Nie. Das ist einzigartig. Generell die ganze Fahrt – Ich will keine dieser Erinnerungen missen. Über die Reise hat sich eine klasse Gruppendynamik entwickelt. Segeln verbindet einander ungemein. Man teilt so besondere, phänomenale Erlebnisse und Gefühle. Auch wenn nicht immer alles einfach war, am Ende haben immer alle gut zusammengearbeitet. Und letztendlich mussten wir ja auch immer alle zwingend gut zusammenarbeiten und absolut zuverlässig sein, denn wir waren gemeinsam als „Mannschaft“ unerlässlich, um die Segel zu hissen, sie wieder herunterzuziehen und abends zu verpacken und festzumachen. Das schweißt zusammen. Das fordert jeden Einzelnen. Und das ist eine so wahnsinnig wichtige Erfahrung, die ich noch vielen anderen nach mir wünsche.

Segelfahrt – Das sind die Menschen, die wir in den Häfen getroffen haben. Das sind die ganz unterschiedlichen Wetterverhältnisse, die unsere Tage geprägt haben. Das sind die Sonnenuntergänge und die verschiedenen Farben des Meeres. Grau und stürmisch, grün und unergründlich, tiefblau und ruhig, und nachtschwarz und geheimnisvoll.
Segelfahrt. Ich würde sagen, wir sind am Freitag in Kiel anders von Bord gegangen, als wir die Luciana am Sonntag das erste mal betreten haben. Man hat sich ein bisschen verändert. Die eigene Sicht auf manche Dinge, die aber so viel verändern kann. Man konnte auch ein Stück über sich hinauswachsen. Man hat so viel Lebensfreude gefühlt, und eine ganz besondere Weite, die auch das Herz und die Gedanken weit werden lässt. Das sind so wertvolle Tage und unbeschreibliche Momente gewesen. Und ich weiß, dass dieser Artikel eigentlich zu lang ist. Aber wie soll man Unbeteiligte die Erlebnisse dieser Fahrt auch nur in entfernter Weise nachempfinden lassen, wenn man eine einzelne Seite schreibt? Ich fühle mich nicht fähig dazu. Ich habe unfassbar viel von der Woche mitgenommen, und ich bin mir ganz sicher, dass es sehr Vielen so ging.
An dieser Stelle noch einmal ein großes Dankeschön im Namen aller an Herrn Bruweleit, Herrn Bethge und Janne Lassen, die diese Fahrt organisiert und begleitet haben. Und natürlich an Finn und Sophie, die auch immer offen für alle Fragen und den Schülern sehr zugewandt waren. Auf dass es noch vielen weiteren Schulklassen möglich sein wird, so eine einzigartige Woche zu erleben.
Text: Nathalie Glas
Fotos: Ingo Bruweleit