Zwei Sophies, sechs Sekunden und eine schwierige Entscheidung – Theaterbesuch des E-Jahrgangs
Am 15. September 2026 wurde es im historischen Scharbausaal der Lübecker Stadtbibliothek ungewöhnlich still. Das Theater Lübeck führte dort „Name: Sophie Scholl“ von Rike Reiniger speziell für die Schülerinnen und Schüler der Thomas-Mann-Schule auf. Das Solo-Stück verbindet die Geschichte der historischen Sophie Scholl mit der einer heutigen Jurastudentin, die denselben Namen trägt.
Die Schauspielerin Nina-Mercedés Rühl verkörpert dabei die verschiedenen Figuren und insbesondere beide Sophies. Dadurch werden Vergangenheit und Gegenwart nicht einfach nebeneinandergestellt, sondern unmittelbar miteinander verbunden.
Die moderne Sophie Scholl steht kurz vor ihrem Jura-Examen und gerät in einen Betrugsfall. Vor Gericht steht sie vor einer Entscheidung, die für sie weitreichende Folgen haben kann: Sagt sie aus oder schweigt sie? Damit muss sie sich nicht nur mit den möglichen Konsequenzen ihrer Entscheidung auseinandersetzen, sondern auch mit ihren eigenen moralischen Maßstäben. Die Geschichte der historischen Sophie Scholl wird dabei immer wieder mit ihrer Situation in der Gegenwart verknüpft.
Besonders eindrücklich ist das Motiv der sechs Sekunden. Bei der historischen Sophie Scholl stehen sie für die wenigen Sekunden, die benötigt werden, um sie auf die Guillotine zu legen und den Mechanismus auszulösen. Für die moderne Sophie bedeuten dieselben sechs Sekunden dagegen einen Moment, in dem sie noch selbst entscheiden kann: Redet sie oder schweigt sie?
Damit treffen zwei Situationen aufeinander, die kaum unterschiedlicher sein könnten. Die historische Sophie hat in diesem Moment keine Möglichkeit mehr, etwas an ihrer Situation zu verändern. Die moderne Sophie besitzt dagegen noch Freiheit. Sie muss entscheiden, was sie mit dieser Freiheit macht und ob sie bereit ist, die Konsequenzen ihrer Entscheidung zu tragen.

Genau hier setzt die Frage nach Moral und persönlichen Maßstäben an. Das Stück gibt keine einfache Antwort darauf, was richtig oder falsch ist. Stattdessen fordert es dazu auf, die eigenen Maßstäbe zu hinterfragen: Was bestimmt unsere Entscheidungen, wenn persönliche Interessen und moralische Überzeugungen miteinander in Konflikt geraten? Und wie viel sind wir bereit, für das einzustehen, was wir selbst für richtig halten?
Gleichzeitig erweitert das Stück diese Frage um die Verantwortung gegenüber anderen. Was bedeutet es, Menschen eine Stimme zu geben, die selbst nicht gehört werden oder nicht mehr für sich einstehen können? Reicht es aus, selbst kein Unrecht zu tun, oder gehört zu moralischem Handeln auch, anderen beizustehen und ihnen zu ermöglichen, für sich selbst einzustehen?
Gerade diese Fragen machen das Stück auch im Jahr 2026 relevant. Es geht nicht darum, die Situation der historischen Sophie Scholl direkt mit dem Leben junger Menschen heute gleichzusetzen. Vielmehr zeigt das Stück, dass die Frage nach dem eigenen Gewissen zeitlos ist. Freiheit bedeutet nicht nur, zwischen verschiedenen Möglichkeiten wählen zu können. Sie bedeutet auch, Verantwortung für die eigene Entscheidung zu übernehmen.
Nach der Aufführung konnten wir in einer Nachbesprechung mit Nina-Mercedés Rühl und Knut Winkmann offene Fragen klären und über die verschiedenen Ebenen des Stücks sprechen. Dadurch konnten wir auch die Gedanken aus der Aufführung noch einmal aus einer anderen Perspektive betrachten.
Am Ende bleibt deshalb vor allem eine Frage zurück: Was würden wir tun, wenn wir sechs Sekunden hätten, um selbst zu entscheiden? Für die historische Sophie Scholl bedeuten diese sechs Sekunden den endgültigen Verlust ihrer Freiheit. Für die moderne Sophie sind sie der Moment, in dem sie noch entscheiden kann, ob sie ihre Stimme erhebt oder schweigt. Und genau zwischen diesen beiden Bedeutungen liegt die zentrale Frage des Stücks: Was machen wir mit unserer Freiheit und welche Verantwortung übernehmen wir für andere, solange wir noch die Möglichkeit haben, selbst zu handeln?
Text: Yanto P.