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Deine Zukunft im Norden – Gedenkveranstaltung zum Fall der Mauer am 9. November 2018 in Herrnburg


„Das ist ja gar nicht zu glauben! Es fing so klein an, mit einem Plakat als Leitungsnachweis im WiPo-Unterricht, und jetzt stehen wir hier an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze und treffen die Ministerpräsidenten!“ Pia aus der Ea war ganz aufgeregt. Kein Wunder, denn das von ihr, Torben und Til erstellte Plakat „Der Norden – Unsere Herkunft, unsere Zukunft“ war auf eine Aluminiumplatte gezogen und an der Grenze zur Gemeinde Herrnburg aufgestellt worden. Nun sollte es durch die Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern Manuela Schwesig und den schleswig-holsteinischem Ministerpräsidenten Daniel Günther in Begleitung der beiden Bildungsministerinnen Birgit Hesse (MV) und Karin Prien (SH) eingeweiht werden. 

Til, Pia und Torben vor dem von ihnen gestalteten Plakat

Ende August war die Anfrage aus dem Kieler Bildungsministerium gekommen, ob unsere Schule nicht an einer Gedenkveranstaltung zum Fall der Mauer am 9. November 1989 in Herrnburg teilnehmen wolle. Die Ministerpräsidenten beider Länder wollten mit Schülerinnen und Schülern aus Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern über deren Probleme und Zukunftsvorstellungen diskutieren.

Darüber hinaus hatte die Schweriner Staatskanzlei den Wunsch geäußert, dass jeweils eine 10. Klasse der Thomas-Mann-Schule, der Regionalen Schule Herrnburg und des Ernst-Barlach-Gymnasiums in Schönberg ein Plakat entwerfen sollte. Diese Plakate sollten an der ehemaligen Grenze aufgestellt werden.

Gespannt warteten alle Beteiligten jetzt auf die hohen Gäste, die sie begrüßen sollten.

Der NDR bereitete für den gleichen Abend eine Sendung vor und die Journalisten ließen sich von den Schülerinnen und Schüler die Ergebnisse erklären.

Nico von der Regionalschule Wahrsow erläuterte das Plakat seiner Klasse.

Herr Flittiger und Frau Piechotta im Gespräch mit dem Lüdersdorfer Bürgermeister Dr. Hutzel

Ohne Fleiß kein Preis – Das Projekt

Nach unserer Zusage im August machte sich Frau Piechotta mit der Ea an die Vorbereitung, angesichts der drei Wochen Herbstferien auch unter einem gewissen Zeitdruck. Die Klasse setzte sich intensiv mit dem geschichtsträchtigen Datum des 9. November auseinander, mit

  • der Ausrufung der Republik 1918
  • dem gescheiterten Hitler-Putsch 1923
  • der Reichspogromnacht 1938
  • dem Fall der Mauer 1989.

Beim Besuch des Willy-Brandt-Hauses bekam die Klasse einen Eindruck von den Leistungen des Kanzlers, der mit seiner Ostpolitik in den 70er Jahren einen Wandel eingeleitet und sich Verdienste bei der Wiedervereinigung erworben hat. Zudem informierte eine Sonderausstellung über die Reichspogromnacht 1938, die von den Nazis als Volksaufstand inszeniert worden war und entsetzliches Leid über die jüdischen Mitbürger brachte. Da anlässlich des 100. Jahrestages auf dem Koberg eine Wanderausstellung zum Kieler Matrosenaufstand 1918  gezeigt wurde, nutzte die Ea auch diese Gelegenheit, um sich Geschichtskenntnisse anzueignen.

Janne und Leonie an zwei Hörstationen in der Ausstellung zum Kieler Matrosenaufstand 1918

Im Deutschunterricht von Frau Jebens-Ibs wurden zum Thema „Anpassung und Widerstand“ zudem Filme der Sendung „Kontraste“ aus den Jahren 1987 bis 1989 über das Leben von Jugendlichen in der DDR gezeigt, die sich gerade in den letzten Jahren der DDR extrem unterdrückt fühlten, deshalb Ausreiseanträge gestellt oder sogar die oftmals tödliche Flucht über den Todesstreifen gewagt hatten. Das ist für die fünfzehn-, sechzehnjährigen Schülerinnen und Schüler heute gar nicht mehr vorstellbar und für sie ferne Geschichte.

Zur Vorbereitung der Veranstaltung fuhr die Ea nach Schönberg zum Ernst-Barlach-Gymnasium und erlebte ein anregendes Gespräch mit einer 10. Klasse unter der Leitung von Frau Golla. Gemeinsam wurden Fragen für die Diskussion mit den Politikern gesammelt.

Die von der Klasse erstellten Plakate wurden am 9. November 2018 im Veranstaltungsort, der Herrnburger Grundschule, ausgestellt.

Begrüßung durch den hohen Besuch

Nun war der Tag der Gedenkveranstaltung gekommen. Sehr zugewandt begrüßten Ministerpräsidentin Manuela Schwesig und die Bildungsministerinnen Karin Prien und Rita Hesse die Schülerinnen und Schüler des Ernst-Barlach-Gymnasiums, die eine Collage mit Herrnburger Fotos aus der Zeit vor der Wende zusammengestellt hatten. Sie hatten jetzt die Gelegenheit, den Politikerinnen ihre Arbeit zu erläutern.

Die Politikerinnen Manuela Schwesig und Karin Prien begrüßten die Schüler des Ernst-Barlach-Gymnasiums.

 

Die Schönberger hatten eine Collage aus Fotos von Herrnburg vor und nach der Grenzöffnung erstellt.

Nach weiteren Gesprächen mit der Herrnburger Klasse kamen die Damen zu Pia, Torben und Til, deren Tafel die Liebe zu ihrer Heimat zum Ausdruck bringt. Nach ihren Zukunftsplänen befragt, äußerten die drei den Wunsch, weiterhin im Norden studieren, arbeiten und leben zu wollen. Sie begleiteten die Politikerinnen dann auf dem Weg in die Herrnburger Grundschule und unterhielten sich angeregt mit ihnen.

Til, Pia und Thorben im Gespräch mit den Politikerinnen.

Ministerpräsidentin Manuela Schwesig und die Bildungsministerinnen beider Bundesländer nahmen sich Zeit für die Arbeit unserer Schüler.

Gruppenbild mit den Prominenten

Diskussion in der Herrnburger Grundschule

Die Aula der Herrnburger Grundschule war bis auf den letzten Platz besetzt. Die Moderatorin des NDR Maike Jäger eröffnete die Diskussion mit der Frage, wie die Politikerinnen den Mauerfall am 9. November 1989 erlebt hatten. Frau Schwesig hatte als fünfzehnjährige Schülerin in Frankfurt (Oder) erst am nächsten Tag begriffen, was passiert war, und nutzte ein paar Tage später die Gelegenheit, von Ost- nach West-Berlin zu fahren, was sie sehr spannend fand. Frau Prien studierte 1989 in der damaligen Hauptstadt der Bundesrepublik Bonn und war tiefbewegt, als sie die Bilder im Fernsehen sah. „Mir sind die Tränen gekommen, wie damals vielen Menschen.“

Die Politikerinnen und Moderatoren des NDR in der Sporthalle der Herrnburger Grundschule

Schülerinnen und Schüler der Klasse Ea im Publikum

In der ersten Reihe: Erik, Tim, Sarina, Carlotta und Jasmin

In der anschließenden Fragerunde ging es zunächst um die Verkehrsanbindung und die Mobilität von jungen Leuten, ein Problem, das vor allem die in Dörfern lebenden Mecklenburger bewegte. Die Landrätin des Kreises Kerstin Weiss (SPD) ergriff aus dem Publikum heraus engagiert das Wort, um auf den Ruf-Bus hinzuweisen, der auf einen Anruf hin Fahrgäste zur nächsten Buslinie bringt. „Den könnt auch ihr mit eurem Schülerticket nutzen!“

Landrätin Kerstin Weiss ergriff das Wort.

Damit waren die jungen Leute aber nicht ganz zufrieden, denn es gibt keinen grenzüberschreitenden Verkehrsverbund zwischen den beiden Bundesländern und so ist eine Fahrt nach Lübeck teuer.

Auch TMS-Schülerin Jasmin klagte über die hohen Buspreise in Lübeck, worauf hin Frau Prien betonte, dass mehr in Hinblick auf Schülertarife getan und die länderübergreifende Zusammenarbeit verbessert werden müsse. Angedacht sei auch ein Abkommen über den Schülerbesuch in Lübeck, eine von Herrnburger Eltern schon lange gewünschte Sache.

Bildungsministerin Karin Prien beantwortete Jasmins Frage.

Anton aus der Ea sprach ein Thema an, das alle unter den Nägeln brennt: „Es fehlt die flächendeckende Ausstattung mit schnellem Internet. Welche Maßnahmen ergreifen die Länder, um die Digitalisierung voranzutreiben?“

Anton fragte nach schnellem Internet.

Die Ministerpräsidentin Schwesig stellte klar, wie bedeutsam die bessere Ausstattung vor allem der ländlichen Räume sei und verwies auf den in Berlin geschlossenen Digital-Pakt, der mit Milliarden-Investitionen Abhilfe schaffen soll. Bildungsministerin Pries versprach, dass bis zum Ende der Legislaturperiode in Schleswig-Holstein, also 2022, alle schleswig-holsteinischen Schulen Zugang zu schnellem Internet bekommen.

Mit Bezug auf das Thema „Deine Zukunft im Norden“ kritisierte Til, dass es im Norden zu wenig Hochschulen gebe und junge Leute schon deshalb ihre Heimat verlassen müssten. „Gibt es Ziel und Maßnahmen für den Ausbau der Hochschulen?“, wollte er wissen.

Til wollte wissen, warum es nicht mehr Universitäten im Norden gibt.

„Wir setzen eher auf Klasse als auf Masse“, entgegnete die Bildungsministerin Hesse (MV) und verwies auf etliche Exzellenz-Cluster, die es im Norden gibt. Die SH-Bildungsministerin pflichtete ihr bei: „Ihr solltet nicht nur die großen Universitäten Kiel, Rostock und Greifswald im Blick haben, sondern auch die Uni in Flensburg und die vielen Fachhochschulen in den Ländern. In Heide an der Westküste gibt es eine hervorragende Fachhochschule, in der man Studiengänge zum Tourismus, einem wesentlichen Wirtschaftsfaktor des Nordens, belegen kann.“

An den Reaktionen der jungen Leute merkte man, dass die Antwort nicht ganz zufriedenstellte.

Ein weiterer Diskussionspunkt war der Lehrermangel, dem die Bildungsministerinnen jetzt mit Werbemaßnahmen für den Lehrerberuf begegnen wollen. Ein Schüler aus Schönberg merkte dazu kritisch an, dass es eine hohe Bewerberzahl für Lehramtsstudiengänge, aber zu wenig Studienplätze gebe. Er sehe keine Chance, trotz des Bedarfs Lehrer zu werden. Ministerin Hesse bot ihm an, nach der Veranstaltung über Möglichkeiten zu sprechen. „Wir brauchen dringend Lehrer in den MINT-Fächern“, meinte sie. Beide Ministerinnen waren sich einig darin, dass Reformen in der Lehrerausbildung notwendig seien.

Bildungsministerin Hesse warb für die Lehrerausbildung in Mecklenburg-Vorpommern.

Ein Schüler aus Herrnburg formulierte mit Blick auf seine Großmutter seine Bedenken hinsichtlich der Versorgung der Alten im ländlichen Bereich und meinte, der Beruf des Altenpflegers bzw. Krankenpflegers müsse attraktiver gemacht werden. Immer mehr junge Leute zögen weg und die Alten blieben unversorgt zurück.

Angesichts der fortgeschrittenen Zeit und wegen eines im Anschluss geplanten Laternenumzugs durch Herrnburg konnte hier keine ausführliche Antwort mehr gegeben werden.

Ministerpräsidentin Manuela Schwesig appellierte an die Jugendlichen, sich politisch zu engagieren.

Am Schluss appellierte Manuela Schwesig an die jungen Leute: „Mit 16 habt ihr auf kommunaler Ebene das Wahlrecht, mit 18 auf Landes- und Bundesebene und bei der Europa-Wahl. Mit 18 könnt ihr euch wählen lassen. Engagiert euch in der Politik und setzt euch für eure Belange ein! Die Zukunft liegt bei euch, ihr müsst sie gestalten!“

Nachlese

Ministerpräsident Günther hatte in Berlin an der Gedenkveranstaltung zur Reichpogromnacht 1938 teilgenommen und musste als Bundesratspräsident dort bis zum Schluss der Veranstaltung bleiben. Deshalb traf er erst nach dem Ende der Diskussionsveranstaltung in der Herrnburger Grundschule ein. Er drückte gegenüber Frau Piechotta und Frau Jebens-Ibs sein Bedauern aus und versprach, die Thomas-Mann-Schule einmal zu besuchen.

In der Schule diskutierte die Ea noch einmal lebhaft über die Veranstaltung. Die Meinungen über die Antworten der Politikerinnen waren durchaus geteilt. Einige Schülerinnen und Schüler fanden sie informativ und hilfreich, andere empfanden sie als ausweichend oder auch langatmig. Manche hatten sich mehr versprochen und kritisierten, dass praktisch nur eine Stunde für die Diskussion zur Verfügung gestanden habe und diese Zeit zu Beginn auch noch mit zu langen Statements vergeudet worden sei. Die Schülerinnen und Schüler hätten so viele Fragen vorbereitet und nur einen Bruchteil anbringen können, ein Themenbereich sei ganz unter den Tisch gefallen.

Trotz dieser Einwände möchte die Klasse Ea die Erfahrung nicht missen, eine solche Veranstaltung im direkten Kontakt mit Spitzenpolitikerinnen erlebt zu haben. Sie dankt Frau Piechotta, die diese Veranstaltung so intensiv mit der Klasse vorbereitet hat.

Das Plakat der TMS

Der Beitrag des Ernst-Barlach-Gymnasiums in Schönberg

Die Collage der Regionalschule Wahrsow

 

Text: Sabine Jebens-Ibs

Fotos: Sabine Jebens-Ibs, Mechthild Piechotta

 

Der NDR berichtete über des Ereignis:

https://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/schleswig-holstein_magazin/Schleswig-Holstein-Magazin,shmag58210.html

https://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/land_und_leute/Nordmagazin-Land-und-Leute,sendung835444.html